Gut haben oder gut gehen lassen - wo ist der Unterschied
Letzte Woche durfte ich einen Abend mit einer meiner Herzfreundinnen geniessen. Dieser stimmige und vertraute Abend hat mich zur Überlegung verleitet, worin der Unterschied zwischen „es gut haben“ und „es sich gut gehen lassen“ liegt.
Diese beiden Formulierungen wirken beinahe identisch, und man könnte meinen, es handle sich lediglich um eine sprachliche Variante. Trotzdem kam ich zum Schluss, dass zwischen den beiden Formulierungen mehr liegt. Es gibt eine unterschiedliche innere Bewegung, die die Differenz ausmacht. Es ist nicht dasselbe, auch wenn es im Alltag oft gleich verwendet wird.
Du kannst es gut haben. Die Umstände stimmen, die Beziehung ist vertraut, der Moment scheint gelungen. Wir sassen zusammen, teilten Gedanken, Erinnerungen und lachten. Alles fügte sich. Und trotzdem gab es in diesem Moment noch etwas mehr. Meine innere Distanz schien aufgelöst. Meine Anspannung fiel von mir ab, gerade so, als wäre mein inneres Wachen verschwunden. Nichts musste mehr kontrolliert, bewertet oder organisiert werden. Irgendwie war da ein Akt des Einverständnisses mit dem, was ist. Eine Form der Hingabe, nicht aus Naivität, sondern aus tiefem Vertrauen. Der Moment durfte wirklich durch mich hindurch wirken, und es war nicht wichtig, was als Nächstes kommt. Kurz: Ich liess es mir gut gehen.
Ein „Gut haben“ ist oft an Bedingungen geknüpft, „gut gehen lassen“ ist eine innere Haltung. Diese Haltung entsteht nicht aus günstigen Umständen, sondern aus einer bewussten inneren Zustimmung zum Leben, zum Unvollkommenen, Widersprüchlichen und auch zum Vorläufigen.
Vielleicht liegt gerade hier eine existenzielle Aufgabe. Sollten wir uns nicht öfter erlauben, es uns einfach gut gehen zu lassen? Nicht erst, wenn alles geregelt ist und keine Unsicherheit mehr bleibt, sondern mitten im Unfertigen, vielleicht sogar mitten im vermeintlichen Risiko.
Mir mitten im Leben einfach einmal erlauben, dass ich es mir gut gehen lassen darf. Sind es nicht genau diese Momente, die das Leben lebenswert machen?
Danke, liebe Herzfreundin, für diesen wunderschönen, tiefgründigen und stimmigen Abend mitten im Leben.
